Ein Kommen und Gehen

Overath, 05. November 2020 Die Corona-Pandemie eröffnet auch Raum für neue Ideen. Ein Beispiel: Der Kunststoff-Spezialist BARLOG. Dort tüftelt man mit Arbeitsplatzkonzepten, die man Mittelständlern bislang nicht zugetraut hätte.

Seit Anfang September ist Peter Barlog ein Chef ohne Büro. Nicht, dass der junge Familienvater, Geschäftsführender Gesellschafter der BARLOG Plastics GmbH in Overath, jemals der Typ für eichenholzvertäfelte Chefbüros alter Schule gewesen wäre. Im Gegenteil. Aber genau deshalb hat er etwas ungewöhnliches vor. Er steht im T-Shirt in einem Raum im Hauptgebäude der Firma: zwei leere Schreibtische, abschließbare Rollcontainer, ergonomische Stühle, selbstverständlich auch Klimaanlage und das volle Anti-Corona-Paket bis hin zum Händedesinfektionsmittel – sein ehemaliges Büro, ein wenig umgebaut, eines von zweien, um die es beim neuesten Projekt der Firma geht.

Denn was jetzt noch ein wenig Möbelhaus-Charme ausströmt, ist nichts anderes als ein spannendes Experiment: Denn bei BARLOG dürfen alle, die das möchten (und nicht unbedingt vor Ort sein müssen), weiter mobil arbeiten. Wer doch einmal in die Firma muss, findet dort zwei sogenannte Shared Offices, Büros, in denen sich jeder ins Firmennetzwerk einklinken kann, wann immer und wie lange man mag. Und ganz bewusst ohne Anwesenheitspflicht! „Ich weiß, dass diese Freiheit für viele Unternehmen in unserer Größe noch als unvorstellbar gilt“, sagt Peter Barlog, „aber wir möchten das einfach einmal versuchen.“

Was wird aus den Büros, wenn alle im mobilen Office sind?

„Schuld“ war, wie an so vielen Dingen, die in Deutschlands Industrie seit kurzem anders laufen: Corona. Wie viele andere Unternehmen sah man sich auch bei BARLOG im Februar gezwungen, einige Mitarbeiter ins sogenannte „Homeoffice“ zu schicken. Sogar Mitarbeitern aus der Produktion wurden Päckchen geschnürt, die sie zu Hause abarbeiten konnten.

Umständlich? Keinesfalls. Schon bald stellte sich heraus: „Die meisten fanden das sehr gut“, so Peter Barlog. Rund 80% wollten die neue Flexibilität beibehalten. Auch er selbst: Es habe sich halt herausgestellt, dass viele Dinge auf einmal effizienter liefen als vorher, schlanker, schneller. „Vielleicht kommt man in Videokonferenzen ja schneller auf den Punkt?“ Warum das also nicht zur dauerhaften Lösung machen? „Darum bieten wir an, dass jeder, der mag und nicht unbedingt im Betrieb anwesend sein muss, auch in Zukunft zuhause arbeiten kann“, erklärt der Experte für Hochleistungskunststoffe.

Das bringt natürlich eine ungewohnte Herausforderung mit sich: Auch der fleißigste Heimwerker muss irgendwann einmal im Unternehmen aufschlagen, um sich mit Kollegen kurzzuschließen, nach dem Rechten zu sehen oder Sachen abzuholen, die man nicht mailen kann. Und manchmal muss man sich eben doch von Angesicht zu Angesicht treffen, zum Beispiel um sensible Mitarbeitergespräche zu führen – wer will das schon am Bildschirm tun? Aber dafür teure Arbeitsplätze vorhalten, an denen letztlich doch tagelang keiner sitzt?

Neue Ideen durch gemeinsames Arbeiten

Hier zeigten sich Firmengründer Werner Barlog, seine Söhne Frank und Peter Barlog sowie CFO Boris Korlatzki, die sich die Geschäftsführung bei BARLOG Plastics teilen, ähnlich pragmatisch wie in ihrem Job, in dem es darauf ankommt, mit klug eingesetzten Hightech-Kunststoffen beim Kunden Ressourcen einzusparen. So kam die Idee für die geteilten Büros auf die Welt. „Natürlich darf jeder, der seinen eigenen Raum braucht und auf seine Zimmerpflanze oder das Familienfoto auf dem Schreibtisch nicht verzichten mag, weiter sein persönliches Büro nutzen“, verspricht Peter Barlog.

Aber wer seinen Arbeitsalltag immer schon freier gestalten wollte, kann das jetzt machen. Den üblichen Zwängen eines Bürojobs entfliehen, flexibel einfliegen, wann man möchte, den Stecker in der Wand lassen so lange man will, zusammenpacken, sobald alles erledigt ist – Freiheit statt nine-to-five, so lange die Ergebnisse stimmen! Und ganz nebenbei kommt man vielleicht mit Kollegen ins Gespräch, die man früher höchstens flüchtig auf dem Flur gegrüßt hat – man lernt, sich besser zu respektieren, wenn man erfährt, dass der Andere im Job auch nicht gerade Däumchen dreht. Und am Ende profitiert sogar die Chefetage, denn wer weiß, was für neue Ideen die Mitarbeiter da gemeinsam ausbrüten.

Der Chef hat Vertrauen

Die Voraussetzungen dafür hat BARLOG übrigens schon vor über 20 Jahren geschaffen: Damals entwickelte man bereits die Vision eines „papierlosen Büros“. Zwar sei man damit zunächst „grandios gescheitert“, wie Peter Barlog lachend zugibt, aber seit damals werde alles Wichtige digitalisiert, da ginge niemand mehr mit einem Stapel Unterlagen nach Hause. Der damalige Weitblick zahlt sich jetzt natürlich aus.

Noch wirkt Peter Barlogs „Büro für alle“ noch nicht gerade so betriebsam wie ein Bienenstock. Aber das täuscht: rund die Hälfte seiner Mitarbeiter sind für die Idee, einige haben schon Interesse angemeldet. „Kein Problem, wir können jederzeit aufstocken“, so der BARLOG-Mitgeschäftsführer und -gesellschafter, „wir lassen das jetzt erst einmal auf uns zukommen. Pilotphase.“ Aber, Hand aufs Herz: befürchtet er nicht, dass die Mitarbeiter am Ende nur noch feiern, statt ihren Job zu machen? „Nein. Das ist veraltetes Führungsdenken. Wir haben Vertrauen in unsere Mitarbeiter. Das ist die Grundlage unseres Erfolgs.“